Nachbarschaftshilfe einmal anders
Am Donnerstag, 04.09.25, begab sich die Jahrgangsstufe 10 auf den nur wenige 100 Meter entfernten Jüdischen Friedhof an der Vardingholter Straße und stattete den dort beerdigten jüdischen Mitbürgern einen Besuch ab.
Ziel der Aktion war, die 94 Grabdenkmäler wieder lesbar zu machen oder vor dem Überwuchern zu schützen. Die Aktion wurde in Gemeinschaft mit dem Stadtarchiv, dem Kulturamt und dem Friedhofsamt durchgeführt. Der freundliche Herr Nienhaus von der Friedhofsverwaltung zollte den Schülerinnen und Schülern ein großes Lob für ihren gärtnerischen Einsatz.
Zur Stärkung gab es im stillgelegten Edeka ein koscheres Zopfbrot der Bäckerei Ullrich.
Eröffnet wurde der Tag um 9.00 Uhr von Herrn Sharon Fehr von der jüdischen Gemeinde in Münster. Ehrengast der Veranstaltung war der Lokalhistoriker Josef Niebur, der beste Kenner der jüdischen Geschichte von Bocholt, der sich seit über 40 Jahren ihrer Erforschung widmet.
In einem sehr lebendigen, dynamischen und jugendgerechten Vortrag führte Herr Fehr die Jugendlichen in die Besonderheiten der jüdischen Bestattungskultur ein.
Er war so freundlich, einen eigenen Bericht über den Aktionstag zu verfassen, der weiter unten zu finden ist.
Herzlichen Dank dafür und herzlichen Dank allen Mitwirkenden!
Sharon Fehr: Ein Schultag auf dem jüdischen Friedhof statt im Klassenraum
Am Donnerstag, den 04. September 2025, fand auf dem jüdischen Friedhof in Bocholt bei nahezu ungetrübtem Sonnenschein ein von langer Hand vorbereiteter Projektag des Euregio-Gymnasiums statt. Beteiligt waren die Fachschaften Religion und Geschichte.
Die beteiligten Erwachsenen v.l.n.r.: Jan-Bernd Lepping (Geschichte), Oliver Brenn (Kulturamt), Mika Möllenbeck (Q1, Projektforscher), Renate Volks-Kuhlmann (Stadtarchiv Bocholt), Sharon Fehr (Jüdische Gemeinde Münster), Thomas Haring (Geschichte und Religion), Torsten Sill (Geschichte)
Sitzend vorne: Josef Niebur, Lokalhistoriker, Experte und Autor, u.a. des Opus Magnum „Buch der Erinnerung – Juden in Bocholt 1937–1945“.
Nach einer Begrüßung durch Herrn Jan-Bernd Lepping als stellvertretenden Schulleiter hielt Sharon Fehr (Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Münster und Mitglied des Vorstandes des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen) einen Vortrag, der die Jugendlichen in die Themen Sterben, Tod, Bestattung und das Verhalten auf einem jüdischen Friedhof einführte.
In seinem freien Vortrag stellte Sharon Fehr die Besonderheiten eines jüdischen Friedhofs anschaulich dar. Er erklärte, warum jüdische Grabstätten schlicht und schmucklos gestaltet sind und weshalb auch der Sarg selbst bewusst in aller Schlichtheit gehalten wird – meist aus einfachem, unbehandeltem Holz gefertigt, ohne Metallteile, ohne Zierrat oder aufwendige Ausschmückung. Ebenso erläuterte er, warum die Gräber nach Osten – in Richtung Jerusalem – ausgerichtet werden und warum Blumen auf einem jüdischen Grab keinen Platz haben. Stattdessen legen Besucher kleine Steine auf den Grabstein – als Zeichen der Erinnerung, der Dauerhaftigkeit und Beständigkeit, aber auch als Ausdruck der Gleichheit aller Menschen vor G’tt.
Besondere Aufmerksamkeit widmete Fehr der Unantastbarkeit jüdischer Gräber. Während in anderen Traditionen Gräber nach einer bestimmten Frist eingeebnet werden können, behalten jüdische Gräber ihr Ruherecht für alle Ewigkeit. Ein jüdischer Friedhof verliert niemals seine Bedeutung – er bleibt ein Ort der Erinnerung, des Gedenkens und des Friedens.
Auch auf die Bedeutung des Grabsteins ging Fehr ein: Er wird traditionell erst nach einem Jahr gesetzt, wenn die erste Trauerzeit abgeschlossen ist.
Die Schülerinnen und Schüler erfuhren außerdem, welche Rolle die Chewrat Kadischa, die „heilige Bruderschaft und Schwesternschaft“, in einer jüdischen Gemeinde spielt. Diese Gemeinschaft begleitet den Sterbenden mit Gebeten, spricht mit ihm das Schema Jisrael – „Höre Israel“ – übernimmt die rituelle Reinigung des Verstorbenen und sorgt dafür, dass er in Würde bestattet wird. Gleichzeitig steht sie auch den Angehörigen in ihrer Trauer zur Seite.
Anschließend hatten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, Sharon Fehr mit Fragen „zu durchlöchern“.
Danach gingen die Jugendlichen gemeinsam an die Arbeit. Ausgestattet mit Handschuhen, Rechen, Gartenscheren und anderem Werkzeug pflegten sie die Wege, schnitten Hecken behutsam zurück und machten zugewucherte Grabsteine sowie die kleinen Nummernsteine wieder sichtbar.
Dabei galt: Geschnitten werden durfte nur dort, wo es ausdrücklich freigegeben war, um die Würde des Ortes zu bewahren. Denn auf einem jüdischen Friedhof gilt der eingangs betonte Grundsatz der Unantastbarkeit der Gräber: Nur das unbedingt Notwendige wird gepflegt – alles Weitere überlässt man auf dem jüdischen Friedhof bewusst dem Kreislauf der Natur.
Im geschichtlichen Abriss betonte der stellvertretende Schulleiter, Herr Jan Bernd Lepping, dass hinter jedem auf den Steinen verzeichneten Namen ein ganz individuelles, oft schicksalhaftes Leben steht. Das Projekt diene daher nicht nur der Pflege des Friedhofs, sondern auch dem lebendigen Zugang der Jugendlichen zur jüdischen Kultur und Geschichte ihrer Heimatstadt.
Bereits eingangs übermittelte Sharon Fehr die Grüße des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Westfalen. Vorstand und Geschäftsführung zeigten sich beeindruckt vom außergewöhnlichen Engagement der Schülerinnen und Schüler, das großen Respekt verdiene.
Es sei bemerkenswert, dass eine Schule in Bocholt die Erinnerungskultur auf diese Weise mit Leben erfülle – zur Bewahrung der jahrhundertealten jüdischen Geschichte der Stadt und vor allem im Gedenken an die vielen Bocholter Jüdinnen und Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, entrechtet, vertrieben und ermordet wurden.
Als Zeichen des Dankes überreichte Herr Jan-Bernd Lepping in seiner Funktion als stellvertretender Schulleiter Sharon Fehr einen Blumenstrauß sowie eine große Kaffeetasse mit dem Logo des Euregio-Gymnasiums – eine kleine Geste, die die große Wertschätzung für seinen Beitrag unterstrich.
Sharon griff abschließend noch einmal zum Mikrofon, bedankte sich für die freundliche Einladung und betonte: „Jüdisches Verständnis von Tod und Trauer verbindet stets tiefe Ehrfurcht vor dem Leben mit großer Verantwortung für die Toten. Ein Besuch auf dem jüdischen Friedhof – auch hier in Bocholt – ist immer zugleich eine Einladung, über das eigene Leben nachzudenken: darüber, wie wir miteinander umgehen, solange wir leben.“
gez.: Sharon Fehr






























